Vielleicht ist dem einen oder anderen schon aufgefallen, dass drei von den Kerzen unseres großen Adventskranzes, der nach zweijähriger Unterbrechung nun [2007] wieder über unserem Altar hängt, violett sind, eine jedoch rosafarben ist. Merkwürdig! Hat da irgendwer nicht aufgepasst? Oder hat man sich dabei etwas gedacht? Um der Sache auf den Grund zu gehen, stellen wir uns, nach bewährter pädagogischer Regel, erst einmal ganz dumm und fragen, was ist das überhaupt, so ein Adventskranz?

Der Adventskranz - eigentlich eine ganz simple Sache: Ein aus Tannengrün gebundener Kranz mit vier Kerzen darauf, von denen an jedem Sonntag der Adventszeit eine mehr angezündet wird, und die so das Fortschreiten dieser Zeit anzeigen. Als Erfinder gilt ein Pastor namens Johann Wiechern, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts Leiter eines Waisenhauses bei Hamburg war und immer wieder mit der Frage der Kinder bestürmt wurde, wann denn endlich Weihnachten sei. Er hat daher damals ein Wagenrad mit so vielen Kerzen besetzt, wie die Adventszeit lang ist, wobei die vier Sonntage mit besonders großen Kerzen markiert wurden, hing das Rad unter die Decke der Kapelle des Waisenhauses und ließ bei den täglichen Gottesdiensten jeweils eine Kerze mehr anzünden. Der Adventskranz, heute hat er nur noch die vier Kerzen der Sonntage, eine Art Adventskalender also.

Wenn es nur das wäre, so würden wir ihn heute sicherlich nicht an solch prominenter Stelle in der Kirche, über dem Altar anbringen. Da muss mehr dahinterstecken. Einen Hinweis gibt das kirchliche Benediktionale, also das Buch, das Texte für Segnungen enthält, darunter auch einen zur Segnung des Adventskranzes: „Licht ...“, so heißt es dort, „...weist den Weg, vertreibt die Angst und fördert Gemeinschaft. Licht ist ein Zeichen für Jesus Christus, das Licht der Welt ... Der grüne Kranz bedeutet Leben und Gemeinschaft. Der Adventskranz ist ein Zeichen der Hoffnung, dass nicht Dunkel und Tod, sondern Licht und Leben siegen werden.“ Der grüne Kranz also ein Zeichen für das Leben, das auch blüht, wenn es, wie im Winter, abgestorben zu sein scheint, die Kranzform als Zeichen für die Gemeinschaft der Christen, das Licht, seit jeher das Zeichen für Jesus Christus, im Hinblick auf das Weihnachtsfest, das Fest seiner Menschwerdung, zunehmend. Insgesamt also ein Symbol für das sich nähernde Fest der Erlösung der Menschheit aus dem Dunkel von Sünde und Tod.

Damit steht der Adventskranz für die Adventszeit, die ja daran erinnert, dass die Juden, das Gottesvolk des Alten Bundes, jahrtausendelang auf das Kommen des Messias gewartet haben, ein Kommen, das für uns in Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist und das heute in der Weise des Empfangs des Sakramentes am Fest der Geburt Jesu erneut Gegenwart wird. Die Zeit des Advent birgt jedoch noch eine weitere Sinnschicht: Der Christ erwartet mit dem Gottesvolk und der ganzen Menschheit den Advent des christlichen Lebens, die „zweite Weihnacht“, das endgültige Kommen des Herrn in der Vollendung der Zeit.

Das Buch der Offenbarung des Johannes, aus dem die Lesungen der Adventszeit genommen werden, weisen deutlich hierauf hin. Dort wird das Anbrechen des Gottesreiches nicht zuletzt mit der Herabkunft der endzeitlichen Gottesstadt, des „Himmlischen Jerusalem“, beschrieben: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. ... Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.“ Das neue Jerusalem wird eingehend beschrieben: „Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels. Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. …

Wer einmal im Dom zu Aachen war, der hat dort sicherlich auch den großen Radleuchter im Zentrum der Kirche, ein kostbares Geschenk des Kaisers Friedrich Barbarossa bemerkt. Ein riesiger Leuchter aus vergoldetem Kupfer, der in der Form eines Rades von der Decke hängt - gestaltet als Mauerkranz mit Türmen und Toren, ehemals mit Engeln und Aposteln bestückt, als Abbild des „Himmlischen Jerusalem“, wie es uns in der Offenbarung beschrieben wird. Die mittelalterliche Tradition der Radleuchter ist über die Jahrhunderte nicht vergessen worden und etwa in Kölner Kirche Groß-St. Martin wurde vor 20 Jahren ein solcher Leuchter mit „Jerusalem-Symbolik“ in moderner Formensprache aufgehängt. Besonders gern hat man das im 19. Jahrhundert getan, und wenn der Hamburger Pastor Wiechern als Urform des Adventskranzes ein mit Kerzen bestücktes Speichenrad unter die Decke seiner Kapelle hing, so können wir davon ausgehen, dass auch er auf diese Symbolik Bezug genommen hat.

Bei uns in Roisdorf war es Pastor Matthias Ossenbrink, der spätestens in der Mitte der 1950er Jahre auf die Idee kam, diesen mächtigen Kranz im Chor der alten Pfarrkirche St. Sebastian aufzuhängen, einen Adventskranz also, dem er Form, Ausmaße und Position der mittelalterlichen Radleuchter verlieh und der besonders deutlich als Vision des „Himmlischen Jerusalem“ kenntlich machte. Auf dem aus dieser Zeit stammenden Dezemberbild im Kalender der Heimatfreunde für das kommende Jahr ist er zu sehen. Als man 1974 in die neuerbaute heutige Pfarrkirche überwechselte, hat man selbstverständlich auch den großen Adventskranz wieder mitgenommen, der nun über dem Altar platziert wurde. Jedes Jahr übernahm eine eigene „Adventskranzmannschaft“ der Freiwilligen Feuerwehr die Anbringung des Kranzes. Nachdem vor zwei Jahren aus technischen Gründen es nicht möglich war, den Kranz aufzuhängen und im vergangenen Jahr wir wegen der Reparatur der Heizung in der Adventszeit gezwungen waren, mit den Gottesdiensten in das Festzelt auszuweichen, hätte nicht viel gefehlt, und der in unserer Gegend einmalige Roisdorfer Adventskranz mit seiner besonderen adventlichen Botschaft des „Himmlischen Jerusalem“ wäre vergessen worden.

Ein Dank gilt daher allen fleißigen Helfern, die das Tannengrün besorgt, den Kranz gebunden und aufgehängt haben und uns damit erneut ermöglicht haben, den prophetischen Gehalt der Adventszeit in besonders markanter Weise zu erleben:

Der Advent“, so Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache zum „Angelus“ am 2. Adventssonntag 2006. „lädt uns ein, unseren Blick auf das ,Himmlische Jerusalem‘ zu richten, das das endgültige Ziel unserer irdischen Pilgerreise ist.

Aber warum ist denn nun eine Kerze rosa, während die anderen violett sind? Man sieht es an der Farbe des Priestergewands: Violett ist die kirchliche Farbe für Bußzeiten, wie sie die Fastenzeit und die Adventszeit sind. In der jeweiligen Mitte der Bußzeit aber, also an den beiden Sonntagen „Laetare“ und „Gaudete“, was beides „Freut euch“ bedeutet, erscheint die strenge Farbe der Bußzeit in Vorfreude auf das Fest zu einem freundlicheren Rosa gemildert. Wenn die Kerzen des Adventkranzes für die Sonntage stehen, dann sollen sie auch die jeweils richtige Farbe haben.

Text: überarbeitete Fassung der Predigt vom 1. Adventssonntag 2007