Der Brauch während der österlichen Bußzeit zunächst den ganzen Chorraum, später nur den Hauptaltar zu verhüllen entstand in Klöstern nördlich der Alpen und ist schon um das Jahr 1000 nachweisbar. Seit dem hohen Mittelalter wurde das Hungertuch meist in einem rasterförmigen Bildaufbau mit Bildern versehen: mit Darstellungen der Passionsszenen, mit Motiven aus dem Leben Jesu oder mit dem Verlauf der Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zum Weltgericht.

Die Altarverhüllung in der Fastenzeit galt als Bußübung der Gläubigen. Zur körperlichen Buße des Fastens trat eine seelische. Das Tuch trennte die Gemeinde optisch von Altarraum und Reliquien und erlaubte ihr die Liturgie lediglich hörend zu verfolgen. Unsere Redewendung „am Hungertuch nagen“ geht auf diese Fastentücher zurück und meint: hungern, darben, ärmlich leben.

Der - allerdings keineswegs einheitliche - Gebrauch des Fastentuches änderte sich mit den theologischen Auffassungen. Als in der Gotik das Sehen wollen des Mysteriums und des Altarsakramentes in den Vordergrund trat, entstanden nicht nur Monstranzen für die Eucharistie und Ostensorien oder Reliquiare für die Reliquien: Die Lettner in den Kirchen, die sich dort befanden, wo später die Kommunionbank stand, und die somit den Blick in den Chorraum der Kirche einschränkten, fielen dem neuen Bedürfnis ebenso zum Opfer wie die Fastentücher.

Uns scheint es heute merkwürdig den Altar, das Kreuz oder gar den gesamten Altarraum zu verhüllen. Eine zusätzliche Bußübung? Was soll das? Gehört nicht gerade in die Fastenzeit in besonderer Weise das Kreuz? Und genau das wird zugehängt?

Wir wollen uns diesem neuen alten Brauch schrittweise und aus verschiedenen Richtungen nähern:

  • Eine erste Wiederbelebung nach dem II. Vatikanischen Konzil erfuhren die Hungertücher übrigens 1976 durch die Bischöfliche Aktion „Misereor“. Alle zwei Jahre gestaltet ein Künstler ein neues Hungertuch, das in vielen Kirchen aufgehängt wird und auf die Fastenaktion hinweisen soll (Misereor-Hungertuchgalerie).
  • Durch Verhüllen auf etwas aufmerksam machen! Ob Gewohnheiten oder Gegenstände - Alltägliches nehmen wir oft gar nicht mehr richtig wahr, es ist selbstverständlich geworden. Erst, wenn es nicht mehr da ist, bemerken wir es (wieder). Und so will die Verhüllung des Kreuzes unsere Gedanken nicht auf das Tuch lenken, sondern auf das Kreuz, nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Und dies in einem doppelten Sinn: Auch wenn das Kreuz uns einen geschundenen und gequälten Körper entgegenhält, für uns Christen ist es nicht in erster Linie das Zeichen des Schmerzes und des Leids, sondern das Zeichen des Sieges und des Heiles. Deshalb bekreuzigen wir uns!
  • Wenn wir nachdenken über das, was zwischen uns und unserem Heil, Jesus Christus, steht, was uns den Zugang zu ihm verwehrt, was ihn für uns unsichtbar macht, dann befinden wir uns mitten in der Vorbereitung auf Ostern. Und das Hungertuch ruft uns beim Betreten der Kirche zu: „Denk nach über das Trennende zwischen dir und Gott!“
  • In dem einen großen Gottesdienst vom Geschenk der Eucharistie an Gründonnerstag über das Leiden und Sterben an Karfreitag bis zur Auferstehung in der Osternacht, mittendrin in diesem Geheimnis von Eucharistie, Tod und Auferstehung öffnet sich der Vorhang und verkündet die Botschaft: „Das Trennende ist beiseitegeschoben! Es hat seine Bedeutung verloren. Das Heil der Welt ist da!“